Pressestimmen

Klaus Uhltzscht ist der Held, Mitteldeutsche Zeitung Dessau-Roßlau, 20.10.2009

Weil „der geheilte Pimmel“ Geschichte schrieb, vermitteln Salami oder Knirps zum Finale den historischen Triumph auf gruppendynamische Art und handgreifliche Weise, bis die Zwangspolonaise von der Sieges- zur Premierenfeier führt, um jenes betretene Lächeln zu weinen, welches diesen Gruppentanz mit Anfassen jenseits volltrunkener Aktivität auszeichnet. Wir sind das Volk - und Klaus Uhltzscht ist der Held.

Eine völlig deformierte Figur, ein grell überzeichneter Mitläufer, der scheinbar alle beschädigten Biografien seiner Artgenossen in sich versammelt, spielt die Hauptrolle in Thomas Brussigs Roman „Helden wie wir“. Die helle Wut über die verpasste Auseinandersetzung mit der sanftmütig gewendeten Vergangenheit mag hinter der außergewöhnlichen Alltagsgeschichte gelesen werden. Die Bühnenversion des Bestsellers feierte Freitag in der Inszenierung von Axel Sichrovsky Premiere im Alten Theater.

Sebastian Müller-Stahl gibt den eher perversen als paraphilen Stasi-Deppen, der behauptet, mit seinem durch Bluttransfusion, Unfall und Operation vom Zipfelchen zum Rammbock gewachsenen Zentralorgan die Mauer eingerissen zu haben. Seine Lebensgeschichte zwischen Nichtigkeit und Hybris wird verkauft - an einen Reporter und an das Publikum. Uhltzscht empfängt die Gäste als Entertainer mit einer Endlosschleife trist fröhlicher Begrüßungsfloskeln. Dieses Showmaster-Image mag reichlich nachwirken und der Last des piefigen Vokals unter der Allmacht der Konsonanten entgegen arbeiten. Aber schließlich gedeiht die Tristesse des verklemmt aufgezogenen Jungen zwischen Hygienegöttin und Stasimuffel, zwischen dienstbeflissener Mütterlichkeit und dumpf schweigender Väterlichkeit aus der Perspektive eines historischen Helden.

Müller-Stahl bringt eine beschädigte Figur auf die Bühne, die wirklich unangenehm zu erleben ist. Aber der widerwärtige Wink erscheint vortrefflich ausbalanciert und erlaubt den Zugriff auf das Typische, auch wenn nicht jeder Stasi-Trottel einen Goldbroiler gefickt haben mag. Und wenn es ganz dicke kommt, wird in die Tröte geblasen, worauf sich alle erheben und „Unsere Heimat“ singen, was so schön nach begrenzter Scholle klingt. Benjamin Schultz und Nils Fichtner spielen pointiert noch einige Geräusche und Noten der Erinnerung ein. Generell aber muss diese Hymne für die ironisch heimwehkranke Selbstvergewisserung ausreichen. Denn die Bühne (Norgard Kröger) greift nicht in die liebreizend verstaubte Rumpelkammer der Ostalgie, um die grelle Perversion der Diktatur auszumalen. Eher zeigt sie gemäß gegenwärtiger Perversion Showspektakel an.

Auf Monitoren oder Leinwand werden keine Gänsehaut-Momente eingeblendet, sondern Vater und Mutter beim Gericht über den Jungen in abendlicher Enge oder der Rattenbau, die Stasi-Dienststelle unter dem Zuschauerpodest. Uhltzscht steigt nach unten, filmt die Befehle des Nussknackers, filmt das Spiel der Blödheit in bildhafter Begrenztheit. Er zeigt sein widerborstiges Zipfelchen im Schattenriss her, tanzt mit der Puppe, kopuliert mit dem Schicksal, hadert mit dem Dingsda, spielt keimfreie Mutter und erdrückend schweigenden Vater, dessen Tod den Helden zu einem Befreiungsschlag in das verlogene Gesicht des guten Geschmacks ausholen lässt.

Vor dem Finale wird ein Positionswechsel für einen zaghaften Wendehals in der ungeschminkten Lesart des Autors vollzogen. Das Publikum steht auf der Bühne – und Müller-Stahl vertanzt mit Wolfs- Maske Christa Wolfs Rede auf dem Alexanderplatz. Ob flüssig, gespreizt, lärmend oder amüsant, immer wird auf Hochtouren gereizt, um klare Positionen schrill einzufordern. Nun fällt der Held, verletzt sein Kleines. Dann wird der Ruhm des genesenen Großen als Riesensalami oder Knirps verschwenderisch verteilt. Dann rammen alle eine Mauer aus Pappkartons ein. Sind Helden. Trinken Sekt aus Bechern. Und endlich kommt die Polonaise, auch ein verdrängtes Stück struktureller Gewalt des Übergangs.

Hass, Ohnmacht und eine beklemmende Normalität, Mitteldeutsche Zeitung Dessau-Roßlau, 24.10.2009

Im Alten Theater hat am Mittwoch das Stück «Der Kick» Premiere   Marinus Schöberl, 16 Jahre, kennt seine Mörder und trinkt Bier mit ihnen, bevor er gedemütigt und geschlagen wird, bevor ihm Sebastian Fink, 17 Jahre, ins Gesicht uriniert. "Ich bin ein Jude", soll Marinus sagen, sagt es, wird zum Schweinestall getrieben, muss in den Futtertrog beißen. Marcel Schönfeld, 17 Jahre, kennt den Film "American History X", kennt den "Bordsteinkick", springt Marinus ins Genick. Weil das Opfer noch röchelt, schlägt Marcel, getrieben durch den Bruder Marco, 23 Jahre, mit einem Stein zu. Es dauert, bis man Marinus findet, verscharrt in einer Jauchengrube. Übernahme aus dem Harz Zwei Jahre nach dem Mord ging der Dokumentarfilmer Andres Veiel nach Potzlow, um die Menschen hinter den Schlagzeilen zu sprechen. Ein Buch, ein Film und ein mit der Dramaturgin Gesine Schmidt erarbeitetes Theaterstück liegen mittlerweile vor. "Der Kick" hatte am Mittwoch Premiere im Alten Theater. Gezeigt wird eine Übernahme der Inszenierung von Axel Sichrovsky für das Nordharzer Städtebundtheater. Dort wurde das Stück nach dem rechtsextremistischen Überfall auf Mitglieder des Ensembles angesetzt. Halberstadt liegt am Rand des Harzes, Potzlow in der Uckermark, die Gewalt eskaliert mitten in der Gesellschaft. Das sagt die Bühne (Norgard Kröger) schon in der Gruppierung der Stühle. Mittendrin werden sie vernetzt, die hilflosen Notizen über ein verarmtes Leben, einen Berg Alltag, über verlorene Söhne, enttäuschte Hoffnungen und die Protokolle der Verdrängung, der Brutalität. Wie ungefragt antworten in traurig rudimentärer Sprache die Mütter des Opfers und der Täter, Freunde und Bekannte. Wenn ein Bürgermeister vom Taubenzüchterverein redet, muss man sich daran erinnern, dass hier kein zynischer Autor provinzielle Verdrängungsmechanismen karikiert, sondern Originalton aufgezeichnet wurde. Die Verhöre berichten im Dunkeln von der Tat. Der Täter läuft in das projizierte Vorbild des Films. "Ebenso hätte einer von unseren Jungs das Opfer sein können", sagt die Mutter der Täter. Zwei Darsteller spielen die vielen Rollen. Was steht hinter diesem, vom Autor vorgezeichneten Minimalismus? Die Absicht einer Entpersonalisierung, die Scheu, Typen vorzuführen, die Vernetzung aller Beteiligten? Sichrovskys Inszenierung aber verzichtet auf eine streng protokollarische Form, auf die Distanz der Abstraktion und ordnet das Textgeflecht zu Milieustudien und Charakterskizzen, die sich in Mimik, Stimmlage, Kleider- und Perückentausch äußern. Gasbetonsteine markieren Positionen, lauter Sockel ohne Helden, lauter schweigende Kläger, lauter Tatwaffen. Platz für eigene Ängste Susanne Hessel und Sebastian Müller-Stahl unterbrechen den Text, berichten von eigenen Erfahrungen und Ängsten, zeichnen beeindruckende Skizzen. Nur wenige Figuren, etwa die des Bürgermeisters, werden zur vorgeführten Karikatur. Gerade die Eltern der Täter, die auf dem Sofa zur Diaschau das verstrichene Familienglück beschwören, liefern die beklemmende Normalität hinter der Brutalität. Ob die Gewalt zugenommen habe oder deren Grenzenlosigkeit, welcher Druck auf den Jugendlichen laste, ob man hinter den Mördern auch die Menschen sehen solle, wenn sich Opfer- und Täter-Biografien so nahe seien, wurde im Gespräch danach gefragt. "Der Kick" liefert keine Urteile, sondern eine Chronik, die das Urteil des Zuschauers fordert, auch wenn die erste Antwort Schweigen ist.