OLEANNA VR-360°

David Mamet

Staatstheater Augsburg 2020

REGIE: Axel Sichrovsky

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"Eine in jeder Hinsicht bewegende Inszenierung. Und ein echtes Geschenk.."

"Axel Sichrovsky hat OLEANNA bereits vor zwei Jahren auf die Augsburger Bühne gebracht. Der Mehrwert seiner VR-Brillen-Adaption erschöpft sich erfreulicherweise nicht in technischer Spielerei. Der Regisseur gibt sich nicht damit zufrieden, einfach nur eine möglichst „echte“ Seherfahrung zu stiften. Nach dem hyperrealistischen Beginn in der Bibliothek wird der Kampf gegen die herkömmliche Hackordnung unter den Geschlechtern später auf einem Hühnerhof ausgetragen. Ein betont bizarres Szenario. Interessanterweise schadet das der Auseinandersetzung mit den wirklichkeitsnahen Fragen des Stücks nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Das Surreale der Situation, in die Sichrovsky die Handlung verlegt hat, erlaubt sogar eine breitere Beschäftigung. Juristisch betrachtet sind Carols Bezichtigungen fragwürdig. In einem Setting aber, das der Eins-zu-eins-Abbildung von Realität enthobenen ist, wird nicht nach geltendem Recht, sondern nach den Gesetzen der Kunst verhandelt. Eine in jeder Hinsicht bewegende Inszenierung."

THEATER DER ZEIT

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"Oleanna" ist die jüngste Ergänzung und ein großer Zugewinn

"Bei der "VR-Oleanna" fühlt man sich den Figuren auf diese Weise physisch sehr nah. Man ist Zeuge und hat doch keine Ahnung, was wirklich passiert ist. Der zweite Akt spielt in einem dunklen Verhörraum, der dritte auf einer Hühnerfarm, bei dem einem ganz real um die Füße gegackert wird.
Das große Finale, bei dem Carol John vorführt. Jetzt redet sie, er ist nurmehr ein Gockel ohne Misthaufen.
Inzwischen gibt es sechs VR-Produktionen, "Oleanna" ist die jüngste Ergänzung und ein großer Zugewinn, nicht nur in diesen Zeiten. Das Stück legt Machtstrukturen zwischen Lehrenden und Studierenden, zwischen Männern und Frauen offen und spielt die Möglichkeit zum Missbrauch der jeweiligen Machtposition aus."

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

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Das Staatstheater Augsburg begeistert mit der Virtual-Reality-Premiere von David Mamets „Oleanna“

"Die VR-Inszenierung des Stückes durch Axel Sichrovsky macht aus der Not eine Tugend. Sie zwingt den Zuschauer ständig, die
verschiedenen Positionen der zwei zu Hause mit der Brille körperlich nachzuvollziehen, er muss sich ständig drehen und wenden, um in diesem virtuellen 360-Grad- Raum beide sehen zu können.
Corona lässt derzeit im Schauspiel keine Körperkontakte zu: Also umkreisen die beiden Akteure einander permanent, witzig und eigentlich völlig logisch zuletzt in einem Hühnerfreigehege als Kampfarena, wozu sie die Zuschauerin und den Zuschauer erst einmal aus dem Stall ziehen müssen. Das klappt alles wunderbar und kommt wirklich nahe. Schnell ist man im Aufnahmemodus und aus der Experimentalsituation der Virtual Reality raus.
Die famosen Katja Sieder und Andrej Kaminsky ziehen spielend allmählich eine weitere Ebene ein, indem sie den Konflikt Professor-Studentin in ihre persönliche Spielsituation übertragen, als Schauspielerin und Schauspieler über ihre Rollen und Zuschreibungen diskutieren, das Ganze damit auch mit dem Pfefferminz der Ironie schön durchkauen und frisch machen. Man kann zu Hause nur applaudieren."

BAYRISCHE STAATSZEITUNG

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Theater sieht Zukunft

"Das Staatstheater Augsburg zeigt eindrucksvoll, dass Theater weiter gedacht werden und sogar in einer Pandemie den Spielbetrieb aufrechterhalten kann. Die Vorteile von VR sind unbestreitbar, wenn (...) sich Schauspieler in „Oleanna“ in einem echten Hühnergehege ein hitziges – und visuell äußerst bemerkenswertes – Wortgefecht über Sexismus liefern.
Ich als Zuschauer bin Mittelpunkt dieser Inszenierungen: Alles dreht sich um mich. Das ist eine interessante Dimension."

MIXED:DE

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...ein hochaktuelles Stück über die Grenze zwischen sexistischer Rede und handfester Belästigung.
Dem kann man sich nur schwer entziehen.

"Jetzt hat Axel Sichrovsky, Regisseur der Augsburger Produktion, das Stück ein weiteres Mal inszeniert. Basierend auf seiner hochgelobten Bühnenfassung von 2019 hat Sichrovsky eine Bearbeitung für VR-Brillen entwickelt.
Axel Sichrovskys VR-Brillen-Inszenierung sorgt dafür, dass aus diesem Hörsaal- noch mehr als nur eine andere Art von Gerichtssaal-Drama mit Schlagabtausch zwischen Anklage und Verteidigung wird. Dem Realismus des ersten Aktes setzt er im letzten Akt Surrealismus entgegen.
Der Kampf um eine andere Hackordnung spielt nun auf einem Hühnerhof. Im virtuellen Rundumblick sehe ich neben John und Carol Hennen zu meinen Füßen im Gras picken und die Souffleuse auf einem Campingstuhl im Moorhuhn-Kostüm. Die VR-Technik dient nicht mehr dazu, möglichst "echtes" Erleben zu simulieren, sondern entführt in ein betont bizarres Szenario.
Der Vorwurf wird als Metapher begreifbar. (...)Carols Vorwurf wird so als metaphorische Anklage begreifbar: Gegen eine Gesellschaft, in der noch immer patriarchale Machtstrukturen herrschen. "

BR KULTUR BÜHNE

BESETZUNG
Katja Sieder
Andrej Kaminsky

REGIE
Axel Sichrovsky


KOSTÜME
Jan Steigert


KAMERA, TON & PRODUKTION
Heimspiel


DRAMATURGIE
Sabeth Braun


REGIEASSISTENZ
Ana Wybkea Gutschke


PRODUKTIONSASSISTENZ
Maria Trump

BESETZUNGREGIEKAMERA, TON &
PRODUKTION
KOSTÜMEDRAMATURGIEREGIEASSIST.PRODUKTIONSASSIST.
Katja SiederAxel SichrovskyHeimspielJan SteigertSabeth BraunAna Wybkea GutschkeMaria Trump
Andrej Kaminsky

Presse komplett

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 21.01.2021
von Christiane Lutz


360-Grad-Drama: Vorwürfe im Raum

Das Staatstheater Augsburg hat "Oleanna" als Virtual-Reality-Stück inszeniert. Dabei kommt der Zuschauende dem Kampf zwischen einer Studierenden und ihrem Dozenten unangenehm nah.


"Einer muss immer leiden. Und bisweilen leiden wir alle. Ist es nicht so?" fragt Carol am Schluss. Da ist John schon völlig am Ende, ihm droht eine Anklage wegen Vergewaltigung. Carol hat den Kampf Dozent versus Studentin gewonnen. Nicht, weil sie recht hat, sondern weil sie sein Leiden erzwungen hat. Auge für Auge, scheint sie zu denken, wie es im Zweiten Buch Mose heißt. Um vermeintliche Gerechtigkeit geht es aber nicht in David Mamets Stück "Oleanna", sondern um Deutungshoheit und die Frage, wem zugehört wird. Klingt wie ein Stück zur "Me Too"-Debatte, der Text des amerikanischen Dramatikers ist aber schon 30 Jahr alt. Die Debatte ist aber sicher mit verantwortlich, dass das Stück derzeit auf vielen Spielplänen steht. Jetzt, wo überall genauer hingeschaut wird auf Macht und deren Missbrauch und wo eine lang fällige Neubewertung von sexistischem Verhalten oder gar sexualisierter Gewalt stattfindet. Am Staatstheater Augsburg hat Axel Sichrovsky "Oleanna - ein Machtspiel" 2019 inszeniert und nun als Virtual-Reality-Erlebnis neu aufgelegt.
Man steht also, die VR-Brille auf dem Kopf, mittendrin im Kampf zwischen der Studentin Carol (Katja Sieder) und ihrem Dozenten John (Andrej Kaminsky). Sie begegnen sich im ersten Akt in einer wunderschönen Bibliothek, bis zur Decke gefüllt mit Wissen. Carol hat nichts verstanden in Johns Seminar, ihre Arbeit fiel miserabel aus, verstört klammert sie sich an ihren Block. John redet pausenlos und leitet seine Sätze mit "Hören Sie" und "Sehen Sie" ein. Er ist gewohnt, dass man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Er bietet Carol an, das Seminar privat zu wiederholen, sie sei ihm "sympathisch". Sein Telefon klingelt, seine Frau, der Vertrag für einen Hauskauf wartet, denn der Karriereschritt, eine Professur auf Lebenszeit, steht bevor.
Daraus wird nichts, denn Carol bezichtigt ihn nach diesem Gespräch des Machtmissbrauchs, sie reicht Beschwerde bei der Uni ein, schließlich wirft sie ihm versuchte Vergewaltigung vor. John strauchelt und fällt schließlich, fassungslos. Dass er offenbar jungen Frauen gern die Welt erklärt, dass er sich seiner Macht etwas zu sicher ist, wie er mit großen Gesten durch den Raum wandelt, das ist unangenehm, es ist sexistisch und elitär, aber keine Straftat, die ihn die Karriere kosten sollte.

Woher Carols Zorn kommt, lässt sich nur vermuten. Sie spricht von großer Anstrengung, die sie das Studium koste, von Demütigungen. "Wie Sie zwei Semester ausnutzen, was Sie für Ihr ,paternales Prärogativ' hielten, was ist das anders als Vergewaltigung!", beschließt sie. Sie macht aus ihren schlechten Erfahrungen also eine Täter-Opfer-Geschichte, im Wissen, dass von jetzt an ihr, dem vermeintlichen Opfer, zugehört wird. In dieser Deutungshoheit liegt, neben häufig sehr realem Schmerz, zweifelsohne wiederum eine Macht, derer sich Carol bedient, die sie missbraucht. Sie zwingt dem Zuschauer ihre Lesart der Ereignisse auf, an die sie möglicherweise selbst nicht glaubt. Wichtig ist, dass alles so sein könnte. Sie führt einen Kampf, stellvertretend für Frauen in unterlegenen Positionen, gegen John, stellvertretend für alle Männer in Machtpositionen.
Das VR-Theater im heimischen Wohnzimmer ist ein grundlegend anderes, als etwa ein Stream am Monitor. Es bedarf einer gewissen Hingabe ans Format, weil man mit Brille und Kopfhörer nichts anderes sieht und hört. Bei der "VR-Oleanna" fühlt man sich den Figuren auf diese Weise physisch sehr nah, was bisweilen unangenehm ist. Man ist Zeuge und hat doch keine Ahnung, was wirklich passiert ist. Der zweite Akt spielt in einem dunklen Verhörraum, der dritte auf einer Hühnerfarm, bei dem einem ganz real um die Füße gegackert wird. Das große Finale, bei dem Carol John vorführt. Jetzt redet sie, er ist nurmehr ein Gockel ohne Misthaufen.
Augsburg hat schon vor der Pandemie mit der Virtual-Reality-Technik gearbeitet. Jede VR-Inszenierung ist mit einer 360-Grad-Kamera gefilmt, somit besteht die Möglichkeit, den Blick zu bewegen, zwischen Sprechenden hin und her zu schwenken oder aus dem Fenster zu gucken. Inzwischen gibt es sechs VR-Produktionen, "Oleanna" ist die jüngste Ergänzung und ein großer Zugewinn, nicht nur in diesen Zeiten. Das liegt auch an der Aktualität des Textes und seiner Qualität. Beide Figuren sind herzlich unsympathisch. Dem Reflex, einem von beiden recht geben zu wollen, lässt sich widerstehen. Hier hat keiner recht, und es haben beide recht. Das Stück legt Machtstrukturen zwischen Lehrenden und Studierenden, zwischen Männern und Frauen offen und spielt die Möglichkeit zum Missbrauch der jeweiligen Machtposition aus. Das ist immer verwerflich und am Ende gewinnt damit niemand. Ein trauriger Befund vor allem über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, das heute noch mehr als 1992 von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist.

Die Bibelstelle vom "Auge für Auge" wird übrigens oft missverstanden. Es geht bei ihr nicht darum, Gewalt mit Gewalt zu vergelten. Nein, sie ist ein Plädoyer für Fairness und Verhältnismäßigkeit im Ringen um Gerechtigkeit.

BR KULTUR BÜHNE
von Christoph Leibold


Theater per Post Prä-MeToo-Drama "Oleanna" als VR-Erlebnis

Das Staatstheater Augsburg zeigt ein hochaktuelles Stück über die Grenze zwischen sexistischer Rede und handfester Belästigung. Dem kann man sich nur schwer entziehen – auch, weil wir Dank Virtual Reality mitten im Geschehen stehen.

Vor zwei Jahren feierte am Staatstheater Augsburg eine Neu-Inszenierung von David Mamets "Oleanna" Premiere. Der US-Dramatiker nahm in seinem bereits 1992 entstandenen Stück viele Themen vorweg, die heute, über zweieinhalb Jahrzehnte später, im Zuge der MeToo-Debatte stärker denn je diskutiert werden. Jetzt hat Axel Sichrovsky, Regisseur der Augsburger Produktion, das Stück ein weiteres Mal inszeniert. Diesmal aber nicht für eine Live-Vorstellung vor Publikum – denn die Theater sind ja derzeit geschlossen – sondern als Virtual-Reality-Theatererlebnis. Basierend auf seiner hochgelobten Bühnenfassung von 2019 hat Sichrovsky eine Bearbeitung für VR-Brillen entwickelt. Am Montagabend war sozusagen Premiere, denn da wurden die Brillen erstmals ausgeliefert. Eine Kritik von Christoph Leibold.
Das Theater kommt mit dem Paketdienst nachhause: Geliefert wird ein Karton, darin die VR-Brille. Die muss man einfach auspacken, aufsetzen, anschalten – dann kann man eintauchen in die virtuelle Wirklichkeit.

360-Grad-Rundumblick
Da stehe ich nun also als Zuschauer scheinbar mitten in einer alten Bibliothek. Wenn ich mich an meinem realen Standort, zum Beispiel daheim im Wohnzimmer, mit der VR-Brille vorm Gesicht einmal um mich selbst drehe, sehe ich nicht den eigenen Wohnzimmertisch, sondern im 360-Grad-Rundumblick einen Raum voller Bücherregale. Ich meine fast den spezifischen Geruch alter Wälzer zu riechen und spüre die ungeheure Macht des Wissens, das in diesen gewichtigen Werken steckt.
Für die Studentin Carol ist dieses Wissen eine Last, eine Belastung, deshalb sucht sie den Kontakt zu John, ihrem Professor. Mit schöner Mischung aus Verzweiflung und trotzigem Willen zur Selbstbehauptung berichtet Katja Sieder als Carol von ihrer Überforderung mit dem Lehrstoff, und ich werde zum stummen Zeugen dieser Begegnung von Studentin und Professor.

Sexismus, ja. Aber sexuelle Belästigung?
John zeigt Verständnis, bietet seine Hilfe an, plaudert aus dem Nähkästchen eigener Frusterlebnisse. Nicht unsympathisch, wie Andrej Kaminsky diesen Professor spielt, doch im gut-väterlichen Auftreten steckt auch eine gehörige Portion Paternalismus: Man spürt die Herablassung des alten Mannes gegenüber der jungen Frau, sieht klassisches Mansplaining nach dem Motto "Hey Mädel, ich erklär` Dir die Welt!" Das ist Sexismus, zwar nur latent, aber letztlich doch unübersehbar. Doch lässt sich der gleichsetzen mit sexueller Belästigung?
Mit eben dieser Anschuldigung, später gesteigert zum Vergewaltigungs-Vorwurf, konfrontiert Carol im Folgenden John, der nun um seine Universitätskarriere bangt. Ich bin der unsichtbare Dritte im Raum, den es nur in dieser virtuellen Realität gibt, aber in solchen Fällen nie im echten Leben. Ich könnte John freisprechen von den Vorwürfen, und würde Carol dennoch nicht der Verleumdung bezichtigen. Denn sie lügt und sagt doch die Wahrheit, denn ihr Machtmissbrauch ist aus alltäglich erfahrener Ohnmacht erwachsen.

Realismus wird zu Surrealismus
David Mamet hat dieses Spiel um Macht und Ohnmacht klug ausbalanciert, ein einfaches Urteil ist unmöglich. Und Axel Sichrovskys VR-Brillen-Inszenierung sorgt dafür, dass aus diesem Hörsaal- noch mehr als nur eine andere Art von Gerichtssaal-Drama mit Schlagabtausch zwischen Anklage und Verteidigung wird. Dem Realismus des ersten Aktes setzt er im letzten Akt Surrealismus entgegen.
Der Kampf um eine andere Hackordnung spielt nun auf einem Hühnerhof. Im virtuellen Rundumblick sehe ich neben John und Carol Hennen zu meinen Füßen im Gras picken und die Souffleuse auf einem Campingstuhl im Moorhuhn-Kostüm. Die VR-Technik dient nicht mehr dazu, möglichst "echtes" Erleben zu simulieren, sondern entführt in ein betont bizarres Szenario.

Der Vorwurf wird als Metapher begreifbar
Interessanterweise schadet das der Auseinandersetzung mit den wirklichkeitsnahen Fragen, die das Stück aufwirft, nicht im Geringsten. Im Gegenteil: Das Surreale der Situation, in die Axel Sichrovsky die Handlung verlegt hat, erlaubt sogar eine breitere Beschäftigung. Juristisch betrachtet sind Carols Bezichtigungen fragwürdig. In einem Setting aber, das der Eins-zu-Eins-Abbildung von Realität enthobenen ist, wird nicht nach geltendem Recht, sondern nach den Gesetzen der Kunst verhandelt. Carols Vorwurf wird so als metaphorische Anklage begreifbar: Gegen eine Gesellschaft, in der noch immer patriarchale Machtstrukturen herrschen. Diese Anklage ist nicht so leicht vom Tisch zu wischen.
Beim Abnehmen der VR-Brille nach der Vorstellung ist mir leicht schwummrig. Mein Kopf schwirrt angesichts der aufgeworfenen Fragen – und auch ein bisschen, weil die virtuellen 360-Grad-Bilder meinem Hirn Streiche gespielt haben, die Schwindelgefühle auslösen. Eine in jeder Hinsicht bewegende Inszenierung.

THEATER DER ZEIT 03.2021
von Christoph Leibold



Der unsichtbare Dritte


"Corona hat unseren Wortschatz erheblich er­ weitert. Begriffe, die vor einem Jahr noch weitgehend unbekannt waren, gehören heute zum Alltagsvokabu lar. Für Kritiker ist ein ganz spezielles Wort dazugekommen: „Rezen­sionsbrille"". Selbige liefert der Paketdienst nach Hause, zu Transportzwecken im Karton­inneren gebettet in zerknülltes Weihnachts­ geschenkpapier. Die in solchen Fällen ge­bräuchliche Blasenfolie hatte Tina Lorenz offenbar nicht vorrätig. Lorenz ist Projekt­leiterin für digitale Entwicklung am Staats­ theater Augsburg und derzeit im Homeoffice.
Von dort hat sie ein Presseexemplar des neuesten Horne-Entertainment-Angebots ihres Arbeitgebers losgeschickt: eine VR-Brille, die mit einer Filmfassung von David Mamets „Oleanna" bespielt ist, inszeniert von Axel Sichrovsky.

Die Handhabung ist simpel: Auf­setzen, einschalten und eintauchen in die virtuelle Realität. Da steht man dann - scheinbar - mitten in einer alten Bibliothek, und wer sich nun an seinem realen Standort einmal um sich selbst dreht, sieht nicht das eigene heimische Mobiliar, sondern im 360-Grad-Rundumblick Wände voller Bücher­ regale. Man meint, den Geruch alter Wälzer wahrzunehmen, spürt die erdrückende Last geballten Wissens. Die Studentin Carol fühlt sich dieser Last ausgeliefert, weshalb sie den Kontakt zu Ihrem Professor sucht. Mlt trotzigem Willen zur Selbstbehauptung be­richtet Katja Sieder als Carol von der Über­forderung mit dem Lehrstoff. John, der Pro­fessor, zeigt Verständnis, bietet seine Hilfe an, gern auch im Einzelunterricht. Bei An­drej Kaminsky hat dieses Angebot nichts Schmieriges, und doch steckt im gutväterlichen Auftreten eine unübersehbare Portion Paternalismus, die Herablassung des alten Mannes gegenüber der jungen Frau. Klassisches Mansplaining, das man als stummer Zeuge im virtuellen Raum hautnah miterlebt.

„Oleanna"" ist bereits 1992 entstanden. Im Zuge der #MeToo-Bewegung haben die The­ater das Stück wiederentdeckt. Den Titel hat sich Mamet vom Norweger Oie Bull ausgelie­hen, der im 19. Jahrhundert eine Siedlung gründete, um ein neues Ideal gemeinschaft­lichen Zusammenlebens der Geschlechter zu verwirklichen. Bull taufte den Ort nach sich und seiner Frau: „Oie-Anna""."
In Mamets Stück sind die Verhältnis­se klug ausbalanciert. Einfache Parteiname ist unmöglich. Anfangs scheint es klar: Johns Auf treten ist sexistisch. Später aber bezichtigt Carol ihn schuldlos der sexuellen Belästigung, schließlich sogar der Vergewal­tigung. Dem VR -Brillen-Beobachter kommt die Rolle des unsichtbaren Dritten zu, der die Wahrheit bezeugen könnte - wenn es ihn denn auch im echten Leben in solchen Fällen gäbe. Aber was wäre überhaupt die Wahrheit? Dass John freizusprechen ist von Vergewaltigungsvorwürfen? Natürlich! Dass Carol folglich der Verleumdung zu bezich­tigen wäre? Keineswegs! Zwar lügt sie. Ebenso offenkundig aber spricht sie dabei die Wahrheit aus: über die Ohnmacht, die sie in einem patriarchalisch geprägten Sys­tem alltäglich erfährt.

Axel Sichrovsky hat „Olenna"" bereits vor zwei Jahren auf die Augsburger Bühne ge­bracht. Der Mehrwert seiner VR-Brillen-Adap­tion erschöpft sich erfreulicherweise nicht in technischer Spielerei. Der Regisseur gibt sich nicht damit zufrieden, einfach nur eine mög­lichst „echte"" Seherfahrung zu stiften. Nach dem hyperrealistischen Beginn in der Biblio­thek wird der Kampf gegen die herkömmliche Hackordnung unter den Geschlechtern später auf einem Hühnerhof ausgetragen. Im virtuel­len Rundumblick erscheinen neben John und Carol Hennen, die nach Körnern picken, so­ wie die Souffleuse, die verkleidet in ein Moor­huhn-Kostüm auf einem Campingstuhl Platz genommen hat: ein betont bizarres Szenario. Interessanterweise schadet das der Auseinan­dersetzung mit den wirklichkeitsnahen Fra­gen des Stücks nicht im Geringsten. Im Ge­genteil: Das Surreale der Situation, in die Sichrovsky die Handlung verlegt hat, erlaubt sogar eine breitere Beschäftigung. Juristisch betrachtet sind Carols Bezichtigungen fragwürdig. In einem Setting aber, das der Eins-zu-eins-Abbildung von Realität enthobenen ist, wird nicht nach geltendem Recht, sondern nac h den Gesetzen der Kunst verhandelt. So stellt sich hier nicht mehr die konkre­te Frage, ob der Vergewaltigungsvorwurf in diesem speziellen Fall gerechtfertigt ist oder nicht. Die Anklage ist eher metaphorisch zu begreifen und mutiert zur Aufforderung, all­gemeiner und neu über Gender-Verhältnisse nachzudenken. Dabei müssen beide Ge­schlechter Federn lassen, wenn etwa die De­batte um eine (hier: feministisch motivierte) Cancel Culture anklingt. Dass Carol die Johns dieser Welt, die sprichwörtlichen alten wei­ßen Männer, generell mundtot machen möch­te, scheint jedenfalls auch kein Gewinn für ihre Sache.
Beim Abnehmen der Brille schwirrt ei­nem der Kopf angesichts der Fülle aufgewor­fener Fragen - und auch, weil die virtuellen 360-Grad-Bilder dem Hirn Streiche spielen, die Schwindelgefühle auslösen.
Eine in jeder Hinsicht bewegende Inszenierung. Und ein echtes Geschenk, auch ohne Weihnachtsein­wickelpapier als Pufferung im Päckchen.

BAYRISCHE STAATSZEITUNG
von Christian Muggenthaler


Soziologischer Pas de deux


Das Staatstheater Augsburg begeistert mit der Virtual-Reality-Premiere von David Mamets „Oleanna“

Systemen, die auf tradierten Machtsystemen basieren, kann niemand entkommen, der drinnen hängt. Das gilt für Klein, Groß, für jene, die in der Gesellschaft oben oder unten stehen: Die Gefangen- schaft im System ist unabhängig davon, welche Positionen man selbst in ihm besetzt. Ist in einem solchen Beziehungsgeflecht ein Drüber und Drunter automatisch festgelegt, beeinflusst dieser Auto- matismus alles menschliche Mitei- nander grundsätzlich.

Grenzen werden festgelegt, die weder von oben noch von unten durchdrungen werden dürfen. Solche Grenzen haben fast die ge- samte Literatur des 19. Jahrhun- derts beschäftigt, und es gibt sie heute, im 21. Jahrhundert, immer
noch, wie das Stück Oleanna von David Mamet beweist. Dieses Stück, das es in einer Virtual-Rea- lity-Inszenierung des Staatsthea- ters Augsburg zu sehen gibt, ist mit „ein Machtspiel“ untertitelt und spürt einem solchen System am Beispiel des Universitätsbe- triebs nach. Es macht Grenzen sichtbar.

Da gibt es den Mann und die Frau, den Professor und die Stu- dentin, deren Aufeinandertreffen in einer Sprechstunde ein gran- dioses Missverständnis erzeugt, weil beide die Wirklichkeit aus- schließlich aus ihrer Warte heraus wahrnehmen, ja, gar nicht anders können: Er sieht das verunsicher- te Mädchen, das seine Sympathie erregt und dem er helfen will, sie
den sie überwölbenden Mann und seine abstrakten Thesen, die sie nicht erreichen, stattdessen verlet- zen.

Dieser erste Akt spielt in einer altehrwürdigen Bibliothek, einem Kultort der Gelehrsamkeit. Alles, was sich aus dieser Grundkonstel- lation ergibt, muss spannungshal- ber nicht erzählt werden. Nur so viel: Mamet gibt Schicht um Schicht Konsequenzen aus dem Bibliothekstreffen preis, die genau mit einem solchen Machtsystem zu tun haben. Dieser soziologi- sche Pas de deux führt ständig zu Haltungen der beiden Figuren, die konträr zueinander sind, sich nicht einmal ansatzweise verste- hen.

Fließende Grenzen

Das Publikum, das die Ansich- ten und Absichten beider von au- ßen erkennt und wahrnimmt, muss zwar ebenfalls eine Haltung zum Stück und seinen Personen einnehmen, aber es gibt keinerlei Schwarz-Weiß-Zeichnung, die Grenzen sind fließend: Wer hat Recht? Hat wer Recht? Oder liegt der Fehler tatsächlich im System?

Die VR-Inszenierung des Stü- ckes durch Axel Sichrovsky macht aus der Not eine Tugend. Sie zwingt den Zuschauer ständig, die
verschiedenen Positionen der zwei zu Hause mit der Brille kör- perlich nachzuvollziehen, er muss sich ständig drehen und wenden, um in diesem virtuellen 360-Grad- Raum beide sehen zu können.

Corona lässt derzeit im Schau- spiel keine Körperkontakte zu: Also umkreisen die beiden Akteu- re einander permanent, witzig und eigentlich völlig logisch zuletzt in einem Hühnerfreigehege als Kampfarena, wozu sie die Zu- schauerin und den Zuschauer erst einmal aus dem Stall ziehen müs- sen. Das klappt alles wunderbar und kommt wirklich nahe. Schnell ist man im Aufnahmemo- dus und aus der Experimentalsi- tuation der Virtual Reality raus.

Die famosen Katja Sieder und Andrej Kaminsky ziehen spielend allmählich eine weitere Ebene ein, indem sie den Konflikt Professor- Studentin in ihre persönliche Spielsituation übertragen, als Schauspielerin und Schauspieler über ihre Rollen und Zuschrei- bungen diskutieren, das Ganze damit auch mit dem Pfefferminz der Ironie schön durchkauen und frisch machen. Man kann zu Hau- se nur applaudieren.

MIXED.DE
von Benjamin Danneberg

VR-Staatstheater Augsburg im Test: Theater sieht Zukunft

Das Staatstheater Augsburg zeigt eindrucksvoll, dass Theater weiter gedacht werden und sogar in einer Pandemie den Spielbetrieb aufrechterhalten kann. Die Vorteile von VR sind unbestreitbar, etwa wenn das gerade mitten in der Sanierung befindliche Große Haus des Staatstheaters als Bühne genutzt wird oder sich Schauspieler in „Oleanna“ in einem echten Hühnergehege ein hitziges – und visuell äußerst bemerkenswertes – Wortgefecht über Sexismus liefern.
Ich als Zuschauer bin Mittelpunkt dieser Inszenierungen: Alles dreht sich um mich. Das ist eine interessante Dimension. Während im klassischen Theater die Schauspieler maximal die Gänge zwischen den Zuschauerreihen als erweiterte Bühne nutzen können, haben sie in einer VR-Aufführung den gesamten Raum um die Kamera zur Verfügung.

https://mixed.de/vr-theater-test-staatstheater-augsburg/

AUGSBURGER ALLGEMEINE
von Richard Mayer


"Oleanna" ist jetzt als Virtual-Reality- Stück verfügbar


Vor zwei Jahren hatte "Oleanna" im Hörsaal der Universität Premiere, jetzt bringt das Staatstheater das Stück auf VR-Brille heraus. Funktioniert das auch so?

Eine Studentin kommt zur Sprechstunde des Professors. Sie hat eine Frage, er wird grundsätzlich. Eine Ewigkeit lang reden sie aneinander vorbei. In einer großen Geste zweifelt er grundsätzlich alle Noten und das ganze System an und macht ihr das Angebot, ihr eine 1 zu geben, wenn sie fortan zum Privatunterricht bei ihm kommt - weil sie ihm sympathisch ist. Sie fühlt sich komplett missverstanden. Harmlos, alltäglich, eine Lappalie, möchte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall, es ist der erste Akt zu David Mamets Zwei-Personen- Stück "Oleanna - ein Machtspiel", mittlerweile schon 19 Jahre alt, aber immer noch aktuell, wenn man mal davon absieht, dass Präsenzunterricht an Universitäten in Zeiten der Pandemie die absolute Ausnahme darstellen wird.

Vor zwei Jahren hat das Staatstheater Augsburg das Stück im Hörsaal der Universität Augsburg inszeniert, als ein Beitrag zur #meToo-Debatte. Gleichzeitig war das damals das Ende der Wanderschaft, kurz danach konnte die neue Spielstätte im Gaswerkareal eingeweiht werden. Nun kommt diese Produktion von Regisseur Axel Sichrovsky noch einmal neu heraus, in einer Zeit, in der es gar keine Normalität des Theaterbetriebs gibt. Seit Wochen sind die Zuschauerräume verweist, kann wegen des zweiten Lockdowns nicht gespielt werden.
In seiner Virtual-Reality-Reihe kommt das Augsburger Staatstheater nun auch mit "Oleanna" zum Publikum nach Hause - auf einer Virtual-Reality-Brille. Nur kurz für all diejenigen, die das noch nie gesehen haben: Man muss sich das wie einen Film vorstellen, der mit einer 360- Grad-Kamera aufgenommen wurde. Die Brille verschafft einem ein dreidimensionales Bild von der Kulisse und den Schauspielern. Und: Man kann sich um seine eigene Achse drehen, auch dorthin, wo die Schauspieler gerade nicht aktiv sind.

Erster Ort für VR-Produktion von "Oleanna" wirkt wie eine schöne Kulisse
Je länger das dauert, desto mehr zieht es einen hinein in diese Fassung des Stoffs. Störend ist da nur die Kulisse des ersten Akts, eine alte Barock- oder Rokoko-Bibliothek mit Galerie und alten Globen im Raum, die als Büro des Professors John (Andrej Kaminsky) herhalten muss. Zu alt und viel zu klar belegt als ein Ort, an dem die alten patriarchalen Regeln gelten. Für dieses Stück, das grundsätzlich anzweifelt, dass die Sprache eine Brücke zwischen den Geschlechtern sein kann, das gleichzeitig geschickt die Macht verschiebt, weg vom Professor und hin zur Studentin, für dieses Stück, das so vieles in der Schwebe lässt und dadurch ein kluger Beitrag zur Debatte ist, erscheint dieser erste Ort zu Eindimensional, wie eine schöne Kulisse für die VR-Brille. Und ja, da wirkt der Ort dann schon auch optisch.

Im Anschluss gewinnt diese VR-Inszenierung. Der zweite Akt, ein Zwischenspiel, in dem die Studentin Caroll (Katja Fiedler) und der Professor sich gegenübersitzen und die Vorwürfe, die Caroll jetzt erhebt ("Pornografie, eine Vergewaltigung"), erst einmal dramatisch überzogen erscheinen. Beide wirken da wie Geister in einem dunklen Raum, sitzen sich gegenüber, der Zuschauer ist in dieser Zwiesprache buchstäblich mittendrin, umringt von den beiden Darstellern, fühlt sich angesprochen oder wie ein Schiedsrichter in diesem Schlagabtausch.

Staatstheater Augsburg erarbeitet immer mehr digitale Kompetenz
Danach kommt die entscheidende Volte in dieser VR-Produktion. In kurzen Zwischenblenden waren bislang vor den Akten immer Hühner in einem Fernseher eingeblendet, wie kurze Kommentare, die mit Weisheiten aus dem Tierreich veranschaulichen, dass dieser Kampf der Geschlechter nach zoologischen Regeln stattfindet. Nun findet der dritte Akt, in dem Caroll endgültig die Oberhand gewinnt, tatsächlich draußen statt. Als Zuschauer ist man mittendrin in einem Hühnerstall, die beiden Schauspieler, jetzt nicht mehr in ihren Rollen, suchen den Zuschauer, bringen ihn, in Form der Kamera nach draußen.

Das Licht ist grau, der Himmel verhangen, in einiger Entfernung ist der Gaswerksturm als Landmarke zu sehen, das ist ein wirklicher Ort, mit echten Hühnern, und zwei Mal queren auf dem Weg hinterm Stall auch Passanten das Bild. Gegenüber steht ein Pferd auf der Koppel, ein Ort, den man in Augsburg tatsächlich finden kann. Und da bricht der Regisseur (wie auch schon in seiner Hörsaal-Inszenierung vor zwei Jahren) das Setting auf, lässt die Darsteller Regie-Anweisungen sprechen, auch darüber spekulieren, warum sich so oft Männer in Stücken ausziehen, die von Männern inszeniert werden. Kaminsky und Fiedler tauschen dazu zwischendrin auch noch die Rollen. Man hat in diesen Augenblicken den Eindruck, dass diese Geschlechterzuweisungen beim Menschen etwas Gemachtes sind, ganz weit weg von den Hühnern, die sich nicht groß von den beiden Schauspielern stören lassen. Ja, das geht auf. Und: Von Stück zu Stück erarbeitet sich das Staatstheater Augsburg für seine VR-Brillen mehr digitale Kompetenz und künstlerische Virtuosität im Umgang damit. "Oleanna" lohn sich auch in dieser Fassung.

JUNGE BÜHNE 04.03.2021 
von Sophie Vondung

Virtual Reality Premiere
Zwischen virtuellen Hühnern und Patriarchat

Plötzlich sitze ich nicht mehr auf dem Teppich am Boden meines Schlafzimmers, sondern in einem rot besamteten Theater-Sessel. Ich blicke nach rechts und links, mein Blick schweift über leere Sitzreihen. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich die Lehne meines Sessels, alles wirkt sehr echt. Vor mir im Bühnenraum schwebt das Auswahlmenü meiner VR-Brille. Ich richte den Blick auf „Oleanna“ und die Wiedergabe startet. Und zack, bin ich wieder an einem anderen Ort. Inmitten einer pompösen Universitätsbibliothek sitze ich zwischen einer jungen Frau und einem mittelalten Mann, eine Studentin und ihr Professor.

„Oleanna“ ist eines der Stücke, die das Staatstheater Augsburg als Virtual-Reality-Erlebnis anbietet. Dazu verschickt das Theater die Brillen deutschlandweit. Leihgebühr und Theaterticket kosten zusammen 17,90 Euro. Dann gehört die VR-Brille für zwei Tage Dir. Mit „Oleanna“ hat Regisseur Axel Sichrovsky das Zwei-Personen-Stück von 1992, das schon vor zwei Jahren am Staatstheater Augsburg Premiere feierte, für die VR-Version noch einmal neu aufgelegt. Verfasst von dem amerikanischen Dramatiker David Mamet, illustriert das Werk das Machtverhältnis zwischen einem Professor und seiner Studentin. Dieses dreht sich im Laufe des Stückes um. Der Konflikt zwischen den beiden eskaliert zunehmend, und mündet schließlich in eine grundsätzliche Debatte über Recht und Unrecht.

Die Studentin Carol (Katja Sieder) kommt an der Uni nicht mit. Im Gespräch mit dem Professor John (Andrej Kaminsky) fleht sie ihn an, sie nicht wegen ihrer mangelhaften Arbeit aus dem Seminar zu werfen. Anfangs abweisend, erweicht sich der Professor mit der Zeit, und ignoriert schließlich sein ständig klingelndes Telefon, um sich ganz der Studentin zu widmen. „Wenn Sie etwas nicht verstanden haben, liegt das an mir, nicht an Ihnen“, gesteht er zu und zeigt sich bemüht, der jungen Frau weiterzuhelfen. John bietet Carol an, den Seminarstoff noch einmal mit ihr durchzugehen, denn die Studentin sei ihm sympathisch. Dabei wird er immer privater, erzählt von seinen eigenen Selbstwertproblemen, von seiner Frau, seinem Haus.

Ich als Zuschauerin sitze dabei mitten im Bühnenbild und blicke zwischen den beiden hin und her, während ich ihr Gespräch verfolge. Zwischen den Akten laufen kurze Szenen aus einer Dokumentation über Hühner. Ein Sprecher erklärt, an welcher Körperhaltung man bei ihnen Unter- bzw. Überlegenheit erkennt. Diese gilt es nun im nächsten Akt an der menschlichen Spezies zu observieren. Wir befinden uns nun in einem schwarzen, konturlosen Raum, in dem die beiden Charaktere über eine Beschwerde diskutieren, die Carol gegen John eingereicht hat. „Ich will Ihnen doch nur helfen! Was hab‘ ich Ihnen denn getan?“, fleht der Professor in der Hoffnung, Carol möge ihre Beschwerde widerrufen. Doch die bleibt dabei. Ihre Vorwürfe: John sei sexistisch, elitär und selbstverherrlichend.

Der dritte Akt findet schließlich, logisch an die Hühner-Intermedien anknüpfend, in einem Hühnerstall statt. Dort durchbrechen die Schauspieler*innen nun hemmungslos die vierte Wand. „Ich hab‘ weder im ersten, noch im zweiten Akt geflirtet!“, versucht sich der Professor gegen die Vorwürfe der Studentin zu verteidigen, die mittlerweile bis zum Vorwurf einer Vergewaltigung reichen. „Was meinst du? Hab‘ ich geflirtet?“, sucht er bei mir nach Unterstützung. Die beiden treten aus der Illusion des Stücks heraus, indem sie Regieanweisungen mitsprechen oder absichtlich Texthänger einbauen. Bei Letzteren hilft ein Riesen-Huhn in fransigem Gewand weiter, das soufflierend in der Ecke sitzt. Auch sonst gibt es in diesem Szenenbild viel zu sehen. Während die Hühner ungerührt vor sich hin picken, entfaltet sich um mich herum ein wahres Feuerwerk der Spielfreude in diesem Gehege. Die beiden Spielenden wechseln rasant zwischen ihrer Rolle und der Präsenz als Schauspieler*in hin und her, holen aus ihren simplen Kostümen Bedeutungstiefen hervor, erschaffen pantomimisch Requisiten aus der Luft, und spielen sich aneinander ab, dass die Funken sprühen.

Schon lange vor den Me-Too-Debatten verfasst, zeigt „Oleanna“ eindrücklich, wie präsent patriarchale Unterdrückung in unserem Alltag ist, und darüber hinaus, dass diese so normalisiert ist, dass sie kaum auffällt. Ausgehend von dem Gespräch der beiden im ersten Akt und dem, was tatsächlich zwischen ihnen vorgefallen ist, wirken die Anschuldigungen der Studentin jedoch tatsächlich übertrieben und haltlos, sodass ich als Zuschauerin fast eher mit dem Professor sympathisiere. Auf eine befremdliche Art scheint das Stück so die genau gegenteilige Absicht des Me-Too-Aktivismus zu vertreten.

Als ich die Brille und die Kopfhörer schließlich abnehme und langsam wieder in der tatsächlichen Realität ankomme, lässt mich dieses virtuelles Theatererlebnis nachhaltig beeindruckt zurück. Fast übertrifft die VR-Version einen normalen Theaterabend an Intensität, ist man hier doch mitten ins Bühnengeschehen integriert. Der einzige Wermutstropfen ist, das Stück nicht gemeinsam erleben zu können. Und dass ich am Ende keinen Applaus spenden kann.

Außer „Oleanna“ bietet das Staatstheater Augsburg noch sechs weitere VR-Stücke an, darunter zwei Ballette. Weitere Informationen gibt es hier: https://staatstheater-augsburg.de/vr_theater_at_home



Axel Sichrovsky
axel.sichrovsky@gmail.com